logo logo

logo

Erhard Schüttpelz: Kontroversen in Flatland. Die Globalisierungsgeschichte der Immutable Mobiles

Frühere Diskussionen zum Verhältnis von Mikro-Analysen und Makro-Analysen, insbesondere in der Geschichtswissenschaft ("Mikrogeschichte" vs. "Makrogeschichte") und Soziologie ("Mikrosoziologie" vs. "Makrosoziologie"), richteten sich vor allem auf drei Fragen: die VEREINBARKEIT von Mikro- und Makro-Perspektiven, die KONGRUENZ der dabei gewonnenen Ergebnisse, und die richtige Einschätzung der UNABHÄNGIGKEIT von Mikro- und Makro-Faktoren.

 

In neueren historischen, soziologischen und ökologischen Arbeiten gerät die eingespielte Unterscheidung von "Mikro" und "Makro" allerdings in eine echte Grundlagenkrise. Der Fokus liegt jetzt weniger auf der THEORETISCHEN Vermittlung zwischen verschiedenen Maßstäben, als auf der HEURISTIK, mit der man die konkreten materiellen, logistischen und ökologischen Vermittlungsschritte zwischen Mikro-Organisation und Makro-Organisation nachzeichnen kann. Das Problem der Vermittlung zwischen "Mikro und Makro" wird nicht mehr (wie noch und gerade in der Systemtheorie) durch einen Theorievergleich und eine Optimierung der KONSISTENZ von (Makro-) Theorien gelöst, sondern durch bewußt heterogene Formen einer narrativen Demonstration, die wissenschaftlich plausibel machen soll, DASS UND WIE bestimmte historische und aktuelle (Mikro-) Organisationen, Akteure und Artefakte zwischen verschiedenen Maßstäben wechseln können oder konnten.

 

In den betreffenden Schriften ist daher eine gewisse INVERSION DES THEORETISCHEN MASS-STABS eingetreten – und zwar wenn man so will: vom „Top-Down“-Argumentieren zum „Bottom-Up“. Während es in den älteren Diskussionen zwischen „Mikro“ und „Makro“ immer wieder um einen Test der wechselseitigen KONSISTENZ von Makro-Theorien einerseits, und um die Behauptung einer PARTIKULAREN Autonomie der Mikro-Analysen andererseits ging, trifft diese Kennzeichnung auf eine ganze Reihe aktueller Entwicklungen nicht mehr zu: etwa auf die antiholistische Makro-Sozialgeschichte von Michael Mann (The Sources of Social Power), die zugleich mikro-ökologischen und makrohistorischen Studien von Peregrine Horden und Nicholas Purcell (The Corrupting Sea), die Actor Network Theory, die Science and Technology Studies und ihre Fortsetzung in andere moderne Organisationsbereiche, die Wissenschaftsgeschichte nach der Laborethnographie, und insbesondere auf die Schriften Bruno Latours und seiner Mitstreiter (z.B. in der Anthologie: Making Things Public). Die Analyse und theoretische Durchdringung von durchaus partikularen Mikro-Organisationen muß in diesen Schriften genügen, um zu demonstrieren, wie es ihnen gelingt, lokale und interkontinentale, globale und universale Ansprüche zu erheben, ihre eigenen Operationen, Artefakte und Beziehungen so zu organisieren, dass sie sich replizieren und verbreiten lassen, um sich mit anderen Organisationen zu verknüpfen oder ihnen zu entziehen. Der Maßstabwechsel ist in allen diesen Schriften die anspruchsvollste theoretische Aufgabe geblieben, wird aber zugleich als eine Aufgabe der behandelten Personen, Dinge und Zeichen behandelt: wie und in welchem Vokabular, mit welchen Operationen und Artefakten gelingt es ihnen selbst, den Maßstab zwischen verschiedenen Größenordnungen zu wechseln? Eine Trennung von Meta- und Objektsprachen der Beschreibung kann daher in den betreffenden Schriften nicht mehr durchgeführt oder postuliert werden, und wird oft explizit abgelehnt (etwa durch Latours Gegenbegriff der „Infrasprache“). Drei Ergebnisse der neueren Diskussionen um „Mikro und Makro“ lassen sich verallgemeinern:

  1. Die Organisation eines Maßstabwechsels ist vorderhand unwahrscheinlich, es gibt keine vorausliegende Konsistenz, die ihn garantiert; eine entsprechende Theorie kann nicht mehr auf ein holistisches Gehäuse zurückgreifen, sondern bleibt eine Theorie der Mikro- Organisationen; „objektsprachlich“: jede Homogenisierung ist kostspielig und erklärungsbedürftig;
  2. Ein Maßstabwechsel muß auf heterogene Bestandteile zurückgreifen und meist eine neue heterogene Kopplung (von Personen, Dingen und Zeichen) herstellen,
  3. Ein neuer Maßstabwechsel bewirkt ungeplante Folgen und Störungen, die auf seine (kulturellen, politischen, ökonomischen, ökologischen) Organisationsgrundlagen zurückwirken.

In der Nachzeichnung der Logistik, durch die es (Mikro-) Organisationen gelingt, zwischen verschiedenen Maßstäben zu wechseln, geht es um die Vermittlung und Kopplung von Personen, Artefakten und Zeichen. Mit einem anderen Wort: es geht um die „Mediatoren“ (Latour) und um die „Medien“, durch die der jeweilige Maßstabwechsel zwischen Mikro und Makro möglich wurde und für die wissenschaftliche Beobachtung plausibel gemacht werden kann. Und tatsächlich geht es an allen betreffenden Stellen der Texte auch um das, was in den deutschen Medienwissenschaften als Medien behandelt wird, und zwar, ob dieses Wort vorkommt oder nicht, ob es gebräuchliche Mediengeschichte und Medientheorie aufgreift (etwa in Michael Manns Überlegungen zum klassischen Thema von Buchdruck, modernem Erziehungswesen und Nationalismus) oder diese so verfremdet, dass neue Begriffe und Anordnungen entstehen (etwa in Bruno Latours Fokussierung von bürokratischen Archiven und „Zentren der Kalkulation“, oder in Karin Knorr-Cetinas Beschreibung von aktuellen medienbasierten „global micro-structures“). Aus dieser Konstellation ergeben sich daher für eine Medientheorie zumindest zwei Fragen:

  1. Was kann eine Medientheorie (und eine Theorie der Kulturtechniken) von den neueren Forschungen lernen, in denen Mikro-Analysen genügen, um Makro-Geschichte zu schreiben oder um aktuelle Makro-Faktoren zu entfalten?
  2. Wie würde eine Mediengeschichte und Medientheorie aussehen, die auf ihre gängigen holistischen Postulate (von Evolutionsschritten, Epochenschwellen, weltweiten Homogenisierungen) verzichtet?