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Katja Hoffmann: Medium Kunstausstellung – Medium Bild. Zum Spannungsverhältnis von diskursiven Praxen und bildlicher Widerständigkeit

Die Documenta 11, eine der international meist bekannten Überblicksausstellungen für zeitgenössische Kunst, zeichnete sich im Jahr 2002 vor allem durch ihre globalisierungskritische, politische Perspektive und ihre medienspezifische Fokussierung auf Foto, Film und Video aus. Genau jene Makroebene möchte ich an Hand verschiedener Aspekte der Ausstellungskonzeption erörtern, etwa über szenografische Ordnungen, Werkkonstellationen, aber auch Bildsortierungen (synchrone Ebene), um sie zugleich vor dem Hintergrund der Geschichte der Documenta zu beleuchten (diachrone Ebene) und in ein Spannungsfeld mit einzelnen Werken zu setzen.


Betrachtet man die Ausstellungskonzeption en Detail so lässt sich jenseits des globalisierungskritischen Diskurses ein historiografischer Bezugsrahmen der D11 freilegen, über den sie ihre eigene implizite aber auch explizite Geschichte, jene ‚Geschichte der Kunst der Moderne’, kritisch thematisiert. So ist bemerkenswert, dass sie sich trotz ihrer ausgewiesenen thematischen und medienspezifischen Neuorientierung an kunsthistorischen Paradigmen abarbeitet, zugleich Abgrenzungs- und Integrationsdiskurse mit einer ‚Geschichte der Kunst der Moderne’ führt und darüber offenbar die Entwicklung der analogen und digitalen Massenmedien und ihre daraus resultierende Heterogenisierung von Bildordnungen und Bildgeschichten im 20. Jahrhundert fragend thematisiert.


Mein Anliegen ist es an ausgewählten Beispielen einzelne Exklusions- und Inklusionsverfahren der Makroebene herauszuarbeiten (an Hand von bspw. Gattungsfokussierungen, Formgenealogien, nationalen Stilperspektiven, thematischen Setzungen, Bildlichkeits- und Visualitätskonzepten), um daran die Logiken spezifischer historiografischer Diskursdominanzen kritisch zu reflektieren (Rehabilitierung der Avantgarde vor 1933, Referenzen auf bürgerlichen Kunstbegriff des 19. Jahrhunderts als historische Stabilisierungskategorie) und ihre Ausblendungsmechanismen zu verdeutlichen. Im historischen Bezugsrahmen der Makroebene (Geschichte der Documenta) kann deutlich werden, dass sie Reibungsflächen mit jenem traditionell kunsthistorischen Diskurs der ersten 4 von Haftmann konzipierten Documenten aufbaut (Moderne =‚Abstraktion als Weltsprache’) und mit foto-, kinemato- und videografischen Bildformen konterkariert. In der Reflexion einzelner Werke selbst wird jedoch genau jener implizite Diskurs thematisch und setzt sich zugleich in ein Spannungsfeld zur Makroebene. Dabei interessieren mich insbesondere zwei Arbeiten:

  1. Die großformatige 12- teilige Fotoreihe von Candida Höfer unter dem Titel Die Bürger von Calais (2000)
  2. Die über drei Projektionsflächen installierte Videoinstallation Countenance (2002) von Fiona Tan

Beide Werke beschäftigen sich offenbar mit dem Umbau von Bildordnungen und damit historiografischen Ordnungen unter den Vorzeichen einer massenmedialisierten fotografischen Kultur. Insbesondere interessant ist, dass diese um das Jahr 2000 entstandenen Werke auf Medienformen und Bildlichkeitskonzepte referieren, die um 1900 prägend thematisch waren (Höfer in Referenz auf Auguste Rodin: Original/Reproduktion – Kunstbild/Abbild, Tan in Referenz auf August Sander: Individuum/Typus – Objektivität/Subjektivität). Mit dieser Analyseperspektive auf das Medium Ausstellung und Bild möchte ich das vielschichtige Bezugssystem makro- und mikroskopischen Ebenen kritisch reflektieren, um die polylineare Bildgeschichten in ihren diachronen und synchronen Achsen jenseits eines formgenealogisch sukzessionistischen Kunstgeschichtsmodells zu Diskussion zu stellen.