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Barbara Hollendonner: Der Blick nach Innen

1966 fand die erste erfolgreiche unbemannte Landung auf dem Mond statt und der Film Fantastic Voyage1 kam ins Kino. Er erzählt von der Reise miniaturisierter WissenschaftlerInnen in einem ebenfalls verkleinerten U-Boot durch den Körper eines anderen Wissenschaftlers. Eingebettet ist die Geschichte in ein Szenario des Kalten Krieges, es geht um Überläufer, vermeintliche und echte.2


Oktober 2000 startete die Kriminalserie CSI: Crime Scene Investigation3 zuerst in den USA und dann mit bis heute anhaltendem Erfolg in vielen anderen Staaten. Kern der Serie ist die Aufklärung fiktiver Verbrechen durch Spurenanalyse und Autopsien der Opfer.


Teil der Inszenierung der Autopsien sind so genannte CSI-shots, also Kamerafahrten ins Körperinnere. Dafür werden konventionelle Aufnahmen mit digital erzeugten Animationen kombiniert, wobei letztere auf medizinischen bildgebenden und bildgenerierenden Techniken wie fMRT4 basieren. Das Publikum wird auf einen Sehpunkt5 konzentriert, der die Außenhülle des Körpers durch- und in sein Inneres eindringt und vermeintliche Einblicke in den menschlichen Körper ermöglicht. Diese Konstruktion folgt dem Paradigma der 'Wahrheit des Körper', wie dies auch die Pornografie tut. Sucht diese aber durch die Beobachtung des vornehmlich weiblichen Körpers die Wahrheit der weiblichen Sexualität6, so sucht CSI mit seinen Körperinnenfahrten nach der Wahrheit des Lebens und beteiligt sich damit an der Diskussion über das Humane. Neurobiologie, Gentechnik und verwandte Disziplinen forschen über das Leben, menschliche Gefühle und unser Denken. In CSI wird die Wahrheit des Verbrechens, des Mordes, durch naturwissenschaftliche Untersuchungen von Körpern und Gegenständen gefunden und nicht im Gespräch mit den Verdächtigen. Handlungen und sogar Motive scheinen dem Körper eingeschrieben zu sein, lesbar den ExpertInnen. Gleichzeitig braucht es den Tod, um zu diesen Informationen Zugriff zu haben. Die Rätsel des Mordes werden durch die Autopsie geklärt, die Rätsel des Todes bleiben in einem auf Wissenschaft und Sichtbarkeit aufgebauten System ohne Gott und Schicksal aber unerklärbar und präsent: Warum müssen wir sterben? Was geschieht nach dem Tod? Durch den Blick in die Leiche sollen wir visuell erfahren, was uns kognitiv verschlossen bleibt: den Zustand des Tod-Seins.


In der Affizierung des BetrachterInnen-Körpers durch die drastischen Bilder wird der Eindruck von Wirklichkeit, von Nähe evoziert7 und damit Unmittelbarkeit suggeriert, die den Wahrheitsanspruch der Bilder stützen soll.

Aber was sehen wir, wenn wir als Sehpunkt ins Körperinnere reisen?


Die Außenhülle des Körpers wird durch natürliche bzw. künstliche Körperöffnungen oder direkt durch die Haut überwunden. Das Körperinnere zeigt sich uns wiederum als neue Oberflächen. Organe, Blutgefäße und Muskeln sind getrennt erkennbar, das "fliegende Auge" bewegt sich in einer Höhle, einem Tunnel. Diese inneren Oberflächen lassen sich mit der feministische Theorie, dass es keine Essenz hinter dem Geschlecht/Körper gibt8, interpretieren und widersprechen damit dem Paradigma der 'Wahrheit des Körpers'. Die Oberfläche wandert mit dem Sehpunkt durch den Körper, denn eine der Eigenschaften des Sehens ist es, nur in der Distanz zum Gesehenen zu funktionieren9. Damit ermöglichen Oberflächen überhaupt erst das Sehen und folglich das Bild.


Diese Bilder des Körperinneren zeigen uns also keine 'Wahrheit des Körpers', sondern neue Blick-Grenzen und damit Bilder, geben uns keine Antworten, sondern stellen Fragen: Von wo aus blicken wir? Und worauf blicken wir?


Diese Fragen nach dem Ort der BetrachterIn zielen indirekt auf das Subjekt des Blickens. Es sind Fragen, die die Zentralperspektive seit ihrem Anbeginn aufwirft. Deren Bedeutung in CSI wird durch die Kamerabewegung einer rasenden Tunnelfahrt in eine "Anderwelt Körper" betont. Durch den freien Flug im Körper wird die Blick-Position verunsichert.


CSI kleidet die Auseinandersetzung mit diesen Themen in die fiktive Auflösung von Verbrechen, in der Fragen nach Leben/Tod, Gerechtigkeit/Schuld, Wahrheit/Lüge, Wahrnehmung/Täuschung und AutorInnenschaft/normativer Macht bereits angelegt sind.

 

Konklusion: Die Mikroebene der Körperinnenfahrten, die Intraspektion des Körpers, verweist auf die verunsicherte Position des Blicksubjekts und damit des Menschen, des Humanen, wenn die Zentralperspektive sich umkehrt und die Betrachtenden durchdringt.

 

Auf welche Bewegung der politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Makroebene die Inszenierung der Mikroebene im CSI-shot reagiert, würde ich gerne im Rahmen der Tagung Mikro Makro Medium mit den anderen Teilnehmenden diskutieren.

 

Anmerkungen

  1. Fantastic Voyage. Richard Fleischer. USA, Twentieth Century-Fox Film Corporation 1966
  2. Vgl.: Reiche, Claudia: The visible human project. Einführung in einen obszönen Bildkörper. In: Angerer, Marie-Luise/Peters, Kathrin/Sofoulis, Zoë (Hg.): Future Bodies. Zur Visualisierung von Körpern in Science and Fiction. Wien, New York: Springer 2002, 71-89
  3. CSI–Crime Scene Investigation. Anthony Zuiker. USA, CBS 2000-
  4. funktionelle Magnetresonanztomografie
  5. Reiche: 80
  6. Vgl.: Williams, Linda: Hardcore. Power, Pleasure and the 'Frenzy of the Visible' [1989]. Berkeley, Los Angeles, London, 1999 und: Weissmann, Elke/Boyle, Karen: Evidence of Things Unseen: The Pornographic Aesthetic and the Search for Truth in CSI. In: Allen, Mike (Hg.): Reading CSI. London: i.E. (Sommer 2007)
  7. Vgl. hierzu: Boyle/Weissmann (wie Anm. 6)
  8. Vgl.: Kandel, Susan: Beneath the Green Veil. The Body in/of new Feminist Art. In: Amelia Jones (Hg.): Sexual Politics. Los Angeles 1996, 185-200
  9. Krämer, Sybille: Kann das 'geistige' Auge sehen? Visualisierung und die Konstitution epistemischer Gegenstände. In: Heintz, Bettina/Huber, Jörg (Hg.): Mit dem Auge denken. Strategien der Sichtbarmachung in wissenschaftlichen und virtuellen Welten. Wien/New York: Springer Verlag 2001, 347-364, hier: 350f