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Henriette Heidbrink & Jürgen Sorg: Mediale Form als Dimension des Dazwischen - Zur Meso-Ebene der Medien

Ästhetische Entwicklungen basieren auf formalen Innovationen, die einen Unterschied zu bereits bekannten Realisierungen markieren. Aus diesem Grund vollziehen sich ästhetische Evolutionen häufig in engen intermedialen Wechselverhältnissen, wobei etablierte „Elemente“ – oder auch Funktionen, Problemlösungen – aus fremden Kontexten importiert werden, die im eigenen Milieu dann innovativ eingeführt werden. Ebenso vollzieht sich auch das derzeit zu beobachtende medienästhetische Austauschverhältnis zwischen Kinofilm und Computerspiel. Einerseits werden Spielfilme „spielerischer“: Genregrenzen schwinden, Klang- und Bildformen werden spektakulärer und die exzentrischen Formen des Erzählens nehmen zu. Andererseits werden Computerspiele „narrativer“: Sie lehnen sich an Filmgenres an, die ästhetische Ausstattung wird komplexer, und die Levelstruktur weicht zunehmend einer Dramaturgie der Missionen.


Will man die ästhetischen Trends dieser zeitgenössischen Medienangebote beschreiben, bietet es sich an, nicht die Makro- oder Mikro-Ebene sondern den Bereich zwischen diesen Dimensionen zu adressieren. Denn trotz der Ähnlichkeiten beider Medien, lassen sich die skizzierten Wechselverhältnisse nur schwer auf einen Begriff bringen, weil die Spiellogik des Computerspiels und die Erzähllogik des Spielfilms derart unterschiedliche Handlungs- und Funktionszusammenhänge markieren, dass die gemeinsame Grundlage für eine vergleichende Analyse keineswegs auf der Hand liegt. Prinzipiell lassen sich, allein schon auf Basis verschiedener Medienbegriffe, ganz unterschiedliche Maßverhältnisse des Medialen markieren. Eine komparatistische Beobachtung von Spielfilm und Computerspiel als Ganzheiten einer Makroebene hätte allerdings adäquate Kategorien des Merkmalsvergleichs zu bestimmen, deren Ableitung aufgrund der Unterschiedlichkeit beider Medienangebote stets fraglich bliebe; durch einen solchen Makro-Vergleich wäre man obendrein kaum in der Lage, die impliziten Funktionslogiken beider Sachverhalte vermittelnd zu erfassen.


Aussichtsreich scheint dem hingegen der Versuch, dieses Problem zu lösen, indem man die essentialistischen Unterscheidungen zwischen ComputerSPIEL und filmischer ERZÄHLUNG zurückstellt und die kulturellen Repertoires medialer Formen analysiert, aus denen individuelle Medienangebote zusammengesetzt sind. Im Zentrum dieser Herangehensweise stehen dann nicht die technischen Grundlagen, elementaren Zeichenbasen oder die kommunikativen Funktionen der Medien, sondern relativ invariante (trans-)mediale Strukturen mittlerer Größe. Mit Blick auf die Frage nach den Maßverhältnissen des Medialen, ließe sich diese Mesoperspektive als »Formperspektive der Medien« ausweisen.


Dabei ist die Mesoebene, wie sie hier modelliert werden soll, keineswegs nur eine Dimension zwischen zwei Größen eines Kontinuums. Sie markiert vielmehr einen logischen Ort mit spezifischem Erkenntniswert, an dem sich insbesondere intermediale Formdynamiken beobachten lassen. Die Mikro, Makro oder Mesoebene wäre dann nicht mehr nur eine Unterscheidung von Größenverhältnissen des Objektbereichs, sondern sie bezeichnen zudem noch einen systematischen Zusammenhang zwischen drei medialen Dimensionen: ZEICHEN (Mikro) • FORM (Meso) • WERKEINHEIT (Makro) und spezifizieren dabei die wesentlichen Gesichtspunkte von Medienangeboten.


Die Fokussierung der Mesoebene besitzt vor allem den Vorteil, dass sie die Hybridisierungstendenzen ganz unterschiedlicher medialer Angebote beobacht- und beschreibbar werden lässt und sich so gerade für die Analyse intermedialer Wechselbeziehungen, wie sie beispielsweise zwischen Computerspiel und Spielfilm zu beobachten sind, anbietet. Man kann zeigen, wie Spielformen in Erzählungen und wie Erzählformen in Spielen „funktionieren“, und die chiastische Verwendung beider impliziert wiederum auch den Transfer spezifischer rezeptiver Effekte. In unserer Präsentation sollen die Potenziale einer medienmorphologischen Analyse an einigen Beispielen vorgestellt und anhand dieser konkreten Vorlagen zentrale Kategorien diskutiert werden.