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Gregor Schwering: Michel Foucault und das Netzwerk einer Mikrophysik der Macht

In einem Vortrag aus dem Jahre 1973 geht Foucault davon aus, dass man sich für eine Analyse der Macht zunächst davon freimachen müsse, in dieser etwas zu sehen, "was man besitzt - was einige Bestimmte besitzen - was andere nicht besitzen. Und dass es in der Gesellschaft eine Gruppe von Leuten gibt, eine Klasse, die die Macht besitzt […]." Macht ist demnach kein souveränes Zentrum der Herrschaft, dessen Gesetz allein von oben nach unten durchgesetzt wird. Sie ist (heute) weit mehr. Das war nicht immer so. In seinem Buch Überwachen und Strafen findet Foucault dafür ein äußerst drastisches Beispiel: Die brutale, öffentliche Folterung und Hinrichtung eines Königsattentäters sollte - nach dem Verständnis absolutistischer Strafpraxis - dazu dienen, die durch das Attentat geschändete Integrität des Souveräns und seines Körpers durch die Schindung des Körpers des Angeklagten wieder herzustellen. Anders gesagt: Die vor Publikum vollzogene Marterung und Tötung sollte nicht allein die Schuld des Verbrechers, sondern auch die Macht des Zentrums beweisen. Unter dem Druck nicht zuletzt der Aufklärung erfährt diese Praxis nun eine Wandlung. An die Stelle des öffentlichen Strafrituals tritt die "Geburt des Gefängnisses", dessen idealtypische Form Jeremy Benthams "Panopticon" ist. Hier ist es einem einzelnen ohne weiteres möglich, viele Gefangenen gleichzeitig zu beobachten sowie diese, wichtiger noch, im Unklaren darüber zu lassen, ob sie überhaupt beobachtet werden. Allein das Gefühl, womöglich der Beobachtung ausgesetzt zu sein, soll ausreichen, die Einsitzenden zu überwachen. Die Macht stellt sich mithin nicht länger gut sichtbar (zentral) und gewaltsam aus, sondern verlässt sich darauf, disziplinierend in den Köpfen der Einzelnen zu funktionieren. Das ist dann der Beginn einer "Mikrophysik der Macht", die sich nicht unmittelbar öffentlich manifestiert, weil sie innerhalb von sozialen Beziehungen am Werk ist: Vor jede Machtdemonstration ist ein Geflecht von Beziehungen und Handlungen geschaltet, welches die erstere allererst gestattet. Darin sind alle die vielfältigen Faktoren (Beteiligte, Wissen, Medien und Instrumente) eingebunden, die dabei zum Tragen kommen. Zugleich trägt diese Intransparenz der Macht verstärkt dazu bei, sie als umkämpfte auszuzeichnen. Wo demnach der absolutistische Herrscher seine Macht noch direkt (‚Basta') entfalten konnte, ist nun mit diversen Prozessen zu rechnen. In diesem Sinne bedeutet die "Mikrophysik der Macht", neben ihrer repressiven Seite, immer auch die Möglichkeit einer Gegenbewegung, die mehr als nur ohnmächtig ist: Mit Foucault erweist sich die Macht als zwiespältig produktive Größe.

 

Auf diese Weise reißt Foucaults Machttheorie ein Spannungsfeld auf, in welchem durch die Ablösung einer Makrostruktur Mikroebenen entstehen, in denen sich das Gefüge der Macht basal verändert: Macht meint und ist nun vor allem ein produktives, komplexes, dezentrales Netzwerk, in dem sich verschiedene Kräfte gegen- und miteinander bewegen, sich deren Pole permanent verschieben. Die Genese dieses Konzepts, dessen Details und Probleme herauszuarbeiten, wird eine Aufgabe des Vortrags sein. Er wird sich folglich zunächst mit Foucault an dessen Theorie halten, um sie in einem zweiten Schritt mit einer Kontrastfolie zu unterlegen. Gedacht ist hier an Bruno Latours Konzept eines "Parlaments der Dinge", da es sich auch dort um eine Theorie des Netzwerks handelt, die, anders als Foucault und also über eine Analyse der Macht und ihrer Beziehungen hinaus, darauf aus ist, eine "Kunst zu regieren, ohne zu beherrschen" in den Fokus zu rücken.