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Sebastian Gießmann: Ganz klein, ganz groß - Das Netzwerkdiagramm

Was (ver-)misst ein Netzwerkdiagramm?  Als Teil eines Diskurses über die Maßverhältnisse des Medialen möchte ich mit meinem Beitrag zu "Mikro Makro Medium" zugleich das Mediale der Maßverhältnisse mit ins Spiel bringen. Die Medien-, Wissenschafts- und Bildgeschichte des Netzwerkdiagramms bietet sich dazu als ein paradigmatisches Beispiel ein. Skalierbarkeit heißt hier zunächst Indifferenz: Was ein Knoten oder Gipfel repräsentiert, erscheint als ebenso arbiträr, wie die Intensität der Ströme auf den Verbindungen zwischen ihnen. Vermisst man diese im Nachhinein, so zeigt sich das derart generierte Diagramm vor allem als ikonische Darstellung eines Zusammenhangs. Setzt man hingegen die relationale Modellierung eines Netzes an den Anfang, werden Maßverhältnisse in der Form einer operativen Schrift (Sybille Krämer) gesetzt und erzeugt.
 
Ein solcher Widerstreit zwischen Ikonizität und Graphematik kennzeichnet Geschichte und Gegenwart des Netzwerkdiagramms. Die nicht-animierte bildliche Darstellung provoziert dabei die Assoziation mit Raumfragen, während diagrammatische Verlaufsformen als operative Schriften zugleich stets eine zeitliche Komponente in sich tragen. Eine solche Zuordnung (ikonisch gleich räumlich-simultan; graphematisch gleich zeitlich-sukzessiv) lässt sich aber kaum generalisieren. Im Gegenteil lässt sich eher feststellen: Je formalisierter die Netzwerkdiagramme werden, umso ikonischer gestaltet sich ihre Repräsentation. Damit wird die bereits erwähnte Indifferenz und Arbitrarität ästhetisch nochmals verstärkt - wenn auch oft nur auf den ersten Blick, man denke dabei an die narrativ-machtanalytischen Netzwerkdiagramme des Künstlers Mark Lombardi. Die Geschichte einer - wie ich es formulieren würde - Pathosformel ohne Pathos bedarf also einer fortwährenden Relokalisierung.
 
Relationalität im Netzwerkdiagramm ist mitnichten ahistorisch, sondern immer wieder an konkrete praktisch-epistemische Bedingungen gebunden. Die von Brüchen geprägte Wissensgeschichte der vermessenden Skalierung von Räumen werde ich anhand der klassischen Wegeproblem der Graphentheorie erläutern. Zeitliche Dimensionen des Netzwerkprogramms lassen sich hingegen anhand von Synchronisationstechniken, z. B. der Zeittelegrafie des 19. Jahrhunderts präzisieren. In diesem Rahmen kommen zum einen Geographie und Mathematik, zum anderen Medientechnik und Raumzeit zusammen. Die vergleichsweise späte Überkreuzung von technischen und sozialen Netzwerktheorien in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts (Hartmut Böhme, Erhard Schüttpelz) lässt sich vor diesem Hintergrund aus einer anderen Perspektive verstehen. Ist das Netzwerkdiagramm als Medium des sozialen Zusammenhalts vielleicht deshalb so erfolgreich, weil es von der kleinsten bis zur größten Verbindung Räume synthetisiert und die zeitliche Synchronisation seines Gegenstandes verspricht?
 
Die performative Popularisierung eines Netzwerkdenkens des Sozialens lässt sich etwa um 1930 zum ersten Mal mit einer Vielzahl von Indizien belegen, seien dies Nahrungsnetze in der biologischen Modellbildung, die Radio Networks in den USA (NBC 1926, CBS 1927), die topologische Karte der Londonder U-Bahn (Harry Beck, 1931/33) oder aber die Soziometrie Jacob Levi Morenos. Zu fragen wäre hierbei auch, welche Verbindungen und Differenzen zwischen diesen Beispielen und der Diagrammatik des kybernetischen Denkstils bestehen. Netze sind zwar stets als Element einer longue durée der Kulturtechniken lesbar. Ihre festschreibende Formalisierung als Netzwerke (Samuel Weber) ist hingegen ein epistemisches Ereignis mit massiver Verspätung. Die Wucht und Vielzahl der rechnenden und berechneten Netzwerke ab den 1930er Jahren etabliert so ein Maßverhältnis des Medialen, von dem wir noch nicht wissen, wie lange es "groß" und "klein" miteinander zu versöhnen vermag.