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Florian Hoof: Film - Labor - Flow Charting: Mediale Kristallationspunkte moderner Managementtheorie

Ab 1910 führt der Unternehmensberater Frank B. Gilbreth mediale Verfahren in die Wirtschaft ein und verursacht damit, so die hier vertretene These, einen epistemologischen Bruch in der Managementtheorie. Zentraler epistemischer Kristallationspunkt dieses Umschwungs ist das Labor, in dem aufkommende Medieninnovationen gebündelt werden. Da es zwischen der Makroperspektive des Managements und den Mikropolitiken der factoryfloors steht erbringt es eine räumliche und zeitliche Vermittlungsleistung, an deren Ende konkrete Strategien wirtschaftlichen Controllings stehen, die Teil der neuen Vorstellung moderner wirtschaftlicher Rationalität sind. Anders als landläufig behauptet setzt sich diese aber erst ab 1950 flächendeckend in der Wirtschaft durch.

 

Bisherige Forschungsansätze (u.a. Braun 1992; Rabinbach 2001) beschreiben das Verhältnis zwischen medialen Verfahren und der Wirtschaft um 1900 als Wissensdiffusion und gerade nicht als ein durch Mediengebrauch konturierten Vermittlungsprozess. Fast unaufhaltsam, so deren Annahme, sickern wissenschaftlich-mediale Diskurse um physiologische Ermüdungsstudien und thermodynamische Menschenbilder in die betriebswirtschaftliche Praxis ein. Dabei begehen diese Ansätze den Fehler, von einer prinzipiellen Kongruenz wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Wissens auszugehen. Eigene Recherchen in arbeitsund organisationswissenschaftlicher Forschungsliteratur, in Firmenarchiven und im Nachlass von Consulting-Experten der 1900er bis 1930er Jahre lassen Zweifel an dieser Darstellung aufkommen. Tatsächlich ändert sich auf dem factory-floor, der Ebene des alltäglichen Wirtschaftens, nur wenig oder aber Versuche wissenschaftliche Theorien in wirtschaftliche Praxis umzusetzen scheitern kläglich. Demnach muss die epistemologische Relevanz dieses medialen Technologieimportes in die Wirtschaft anders zu erklären sein. Meine Antwort darauf ist, dass eine mediale Epistemologie der Wissensproduktion und – visualisierung in der Wirtschaft Einzug hält, die unter dem Überbegriff des laboratorial knowledge zu fassen ist und sich in zweierlei Hinsicht epistemisch zeitigt.

 

Zuallererst stellt die Laborumgebung Kongruenz zwischen wissenschaftlichem und betriebswirtschaftlichem Handeln her. Hybride – zwischen Simulation und Statistik schwankende – trial and error Verfahren des Labors, können unterschiedlichste Wissensformen bündeln, testen, umformen und für wirtschaftliche Zwecke umnutzen. Zudem ermöglicht die hermetische Struktur des Labors die tatsächliche Verortung des selbigen innerhalb der Fabrik, ob als Betterman-Room, Charting-Room oder als Teil angewandter Ergonomieforschung. Anders als bei systemischen Ansätzen des Scientific Management eines Frederic W. Taylors, die eine simultane Veränderung aller betrieblichen Strukturen forderten (und einen möglichen Systemkollaps in Kauf nahmen), können Ergebnisse experimenteller Forschungen vor ihrer Implementierung innerhalb der betriebswirtschaftlichen Organisation auf ihre Praktikabilität überprüft werden. Dem Management erlaubt laborales Wissen demnach die pragmatische Einführung einzelner Verbesserungen mit überschaubaren betriebswirtschaftlichen Risiken.


Zum zweiten prägt das Produktionssetting ‚Labor’ manageriales Wissen durch die ihm inhärente Form medialer Sichtbarkeit, wie das paradigmatische Micro-Motion Analysis Laboratory von Frank B. Gilbreth verdeutlicht. Er verwendet Etienne-Jules Mareys chronofotografische Laborapparate ebenso wie Film und Zyklographie zur filmischen Aufzeichnung menschlicher Arbeitsbewegungen in der Industrie. Anschließend zerlegt er sie in diskrete Einzelbewegungsschritte, die so genannten Therbligs, um sie am Ende in eine 17 Therbligs umfassende universale Bewegungsgrammatik zu überführen. Damit lassen sich alle erdenklichen Produktionsbewegungen in der Industrie sequentiell definieren und mit Hilfe seines darauf aufbauenden Visualisierungstools, der Simo-Charts, grafisch darstellen. Was Gilbreth damit schafft ist nichts anderes als ein frühes Simulationssystem menschlicher Arbeit auf Basis analoger Medientechnologie. Prozessuales Wissen wird sichtbar. Zu seinen Lebzeiten kommt dieses System interessanterweise aber fast nur auf experimenteller Ebene zum Einsatz. Reichweite und Stabilität dieser neuen Raum- und Zeitordnung werden deutlich, wenn man dem Einfluss der Therbligs ab den 1950er Jahren auf Verfahren der Automatisierung, Computerisierung und Roboterisierung nachgeht. Modellierung und Programmierung Computer gestützter Automationssysteme greifen bis heute auf die Therbligs als kleinste definierte Bewegungseinheiten zurück. Sie stellen damit eine epistemologische Konstante dar, die von dem Medienumbruch um 1900 bis in heutige, hochmedialisierte Produktionssysteme reicht.

 

In der Folge verändert sich demnach der modus operandi managerialen Handelns. Stützte sich betriebliches Management des 19. Jahrhunderts überwiegend auf face-to-face Kommunikation im Rahmen paternalistisch-zentralistischer Führungsmodelle, sowie auf personalisierte Wissensformen wie Vertrauen und Erfahrung zur Kontrolle betrieblicher Abläufe, wendet sich die Managementtheorie mit den neuen analogen Aufschreibesystemen von den Grundsätzen einer cartesischen Wissensordnung ab. Stattdessen greift ein neuer interventionistischer Pragmatismus um sich, dessen epistemologische Basis neue Medientechnologien und die darauf aufbauenden modularen und prozessualen Wissensformen darstellen.

 

Literatur:

  • Braun, Marta (1992): Picturing Time. The Work of Etienne-Jules Marey (1830-1904), Chicago/London: University of Chicago Press.
  • Rabinbach, Anson (2001): Motor Mensch. Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne, Wien: Turia und Kant.