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Axel Volmar: Signale, Pulse, Laufzeiten - Zur Mikrozeitlichkeit akustischer Medien

Das für die Tagung Mikro Makro Medium vorgeschlagene Themenfeld mit dem Fokus auf die "historischen Bedingungen medial kontrollier- und verfügbaren Räume, Ereignisse und Zeitintervalle" lässt sich sehr gut an einigen charakteristischen Wegmarken der akustischen Mediengeschichte untersuchen und exemplifizieren. Wie kann sich Medienwissenschaft dem akustischen Raum und der auditiven Wissensgenese nähern? Reale Schallfelder weichen ab etwa 1900 zunehmend einer mediatisierten akustischen Wahrnehmung, die einerseits zur Konstituierung unterschiedlicher Raumstrukturen führt, gleichzeitig aber auch die Bildung neuer Machtverhältnisse mit sich bringt.
 
Vor allem Theorien und Technologien zur Lokalisation von Schallrichtungen stellen den Zusammenhang zwischen zeitkritischen, mikrostrukturellen Operationen in technischen Medien und der ,Realität' in besonderer Weise heraus. In der praxisorientierten Kriegsforschung des 1. Weltkriegs wurden Arbeiten zur auditiven Ortung von Geschützstellungen angestoßen, die in den 1920er Jahren wesentlich zur Bildung einer Theorie des räumlichen Hörens beitrugen, die auf kleinsten interauralen Laufzeitdifferenzen basiert. Diese zweiohrige Mirkozeitlichkeit eröffnet strategische akustische Räume, die nachfolgend nicht nur Landschaften überziehen, sondern sich auch auf die submarine Welt und den Luftraum erstrecken: Akustische Aufklärung unter Wasser, d.h. Ortung und Freund-Feind-Unterscheidung von Schiffen geschah auf U-Booten mithilfe von Unterwasser-Richtungshörern und der Auswertung von Stärke und Klangcharakteristik der empfangenen Schiffsmotorengeräusche. An der Heimatfront sollte die Theorie und Praxis einer Schule des Horchens (so der Titel eines Leitfadens aus den 1930ern) Hitlerjungen darauf abrichten, gespitzen Ohres möglichst frühzeitig die kaum hörbaren, fernen Motorengeräusche nahender Fliegerstaffeln aus dem gewöhnlichen Hintergrundrauschen herauszufiltern und Alarm zu schlagen. Aufmerksamkeit und geschulte Hörfähigkeit entschieden in Zeiten vor Radar über Größe und Auflösung imaginärer akustischer ,Kontrollräume', die so in teils symbiotischer Verbindung von Mensch und Technologie entstanden.
 
Umgekehrt produzieren später Technologien, die zuvor gewonnenes Wissen über das Hören implementieren und mehrkanalige Audiosignale auf spezifische Weise in ihrer Zeitstruktur, ihren  Intensitätsverhältnissen und ihrem Spektrum verändern - künstliche akustische Räume, heißt das, die unsere gegenwärtige Sonosphäre maßgeblich bestimmen (Stereofonie, Kunstkopfmikrofonie, Surround, 3D-Akustik, etc.). Solche medial erzeugten Räume sind Produkte eines feingerasterten Zeitmanagements, genauer gesagt: Architekturen aus Laufzeitdifferenzen. Diese nutzen unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Militär, Kunst, Architektur oder Consumer-Entertainment auf je eigene Weise und mit den ihnen eigenen Intentionen. Makroskopische akustische Raumwahrnehmungen resultieren heute aus Abläufen und Synchronisationsprozessen im Mikrozeitbereich oder anders: der Eindruck akustischer Räumlichkeit sowie die makroskopische Unterscheidung von Schallquellenrichtungen verdanken sich mikrotheoretischer Organisation im medialen Raum der Signalverarbeitung.
 
Anliegen des hier skizzierten Beitrages ist, am Beispiel akustischer Medien - speziell im Kontext von ,Ortung' und ,Raumerzeugung'- einen Beitrag zu einer Medienepistemologie des akustischen Raums zu leisten. Hierbei wird insbesondere der Zusammenhang zwischen zeitritischen Mikroökonomien und den aus diesen hervorgehenden medialen Räumen und ästhetischen Strategien in den Blick genommen.