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Anne-Katrin Weber: Edisons Telephonoscope - Eroberung von Raum und Zeit durch fernsehähnliche Dispositive im ausgehenden 19. Jahrhundert

Georges Du Mauriers Illustration „Edison’s Telephonoscope“ aus dem Satiremagazin Punch vom 9. Dezember 1878 reagiert auf ein Gerücht, welches Edison die Erfindung eines Apparates zuschreibt, der „Fernsehen“ und Telefon kombiniert. In der Forschungsliteratur als eines der frühsten Beispiele der televisuellen Utopien des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschrieben, kann es ebenfalls als ein aussagekräftiges Bild bezüglich der herrschenden Raumzeitvorstellungen untersucht werden.


Edisons Telephonoscope stützt sich laut der Zeichnung auf die Kombination des Telefons mit einer, wie die Legende sagt, „elektrischen Camera Obscura“ und erlaubt einem in London ansässigen Ehepaar mit der Tochter in Sri Lanka zu sprechen und sie zeitgleich auf einem Grossbildschirm zu beobachten. Die Tochter ihrerseits unterhält sich mit dem Vater, hat jedoch keinen Zugang zum Bild der Eltern.


Eine nähere Betrachtung der Illustration zeigt, dass nicht die Tochter als entfernte Gesprächspartnerin, sondern das Objekt der Diskussion zwischen Vater und Tochter – die Tennisspielerin – ins Zentrum des Bildfeldes gerückt wird, wodurch die Distanz zwischen Vater (in London) und Tochter (in Ceylon) kürzer zu sein scheint als jene zwischen dem Ehepaar im Schlafzimmer. Diese durch das Medium ermöglichte, neue Raumkonfiguration wird durch das Flüstern zwischen den Sprechenden verstärkt, welches deren Nähe und die gleichzeitige Exklusion der Mutter von ihrem Gespräch unterstreicht.


Mit Seitenblick auf Fernsehentwürfe, die im 19. Jahrhundert vor allem in wissenschaftlichen und literarischen Diskursen skizziert werden (A. de Paiva, A. Robida), kann dann gezeigt werden, dass die Faszination für Simultaneität und Ubiquität, welche auf technologischer und imaginärer Hinsicht nach der Erfindung des Telegrafen vor allem durch die Erfindung des Telefons angeregt wird, als bezeichnend für das ausgehenden 19. Jahrhunderts gelten darf. Diese Paradigmen entstehen parallel zu jenen, die den retrospektiv als das Leitmedium der Jahrhundertwende definierten Kinematographen auszeichnen (Speicherung, Projektion) und ermöglichen eine alternative Annäherungen an die Mediengeschichte dieser Zeit.


Die durch die televisionären Utopien angeregten Raum-Zeit-Bilder sind jedoch nicht nur durch Erfindungen und die damit verbundenen Träumereien inspiriert, sondern innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Kontextes am Ende des Jahrhunderts, im vorliegenden Falle jenes des viktorianischen Englands, zu situieren. Die Begeisterung für simultan übertragene Ferne floriert in einer Gesellschaft, welche die konkrete Eroberung des Raumes in den Kolonien zu einer ihrer Hauptaufgaben macht. Der koloniale Raum wird bei Du Maurier explizit auf doppelte Weise vereinnahmt: die Familie ergreift über die Anwesenheit ihrer Töchter physisch vom Land Besitz, auf symbolischer Ebene okkupiert sie die Fremde, indem diese medial in das heimatliche Schlafzimmer transportiert wird.